Im Zentrum des Projekts steht das von Polke im Biennale-Pavillon entwickelte Experimentalsystem, in dem sich frühneuzeitliche Hermetik und moderne Fotografie überlagern. In der künstlerischen Praxis treffen hier fotochemisches Wissen und mineralogische Studien zusammen und erzeugen ein nicht-apparatives Bildgebungsverfahren, das Licht, Wärme und Feuchtigkeit als Umweltparameter mit dem Malgrund reagieren lässt. Durch die genaue Analyse der materiellen Grundlagen, der Formate und Bilder der Installation und der fotografischen und filmischen Dokumentationen soll in interdisziplinärer Perspektive das Werk Polkes für aktuelle Fragen der Repräsentation von sichtbaren ebenso wie unsichtbaren Naturphänomenen erschlossen werden. Die durch Polke selbst vorgenommene Verortung seiner Arbeit in der Geschichte der Fotografie bietet hier Ansatzpunkte für neuere fotogeschichtliche, wissenschaftsgeschichtliche und künstlerische Forschung. „Die Wand malt sich selbst“ – Polkes im Katalog von 1986 überlieferte Devise – variiert ein Wort des Fotopioniers William Henry Fox Talbot, der mit dem „Pencil of Nature“ die fotosensible Aufzeichnung als Selbstabbildung der Natur beschrieb.
Polkes Experimentalpraxis im Biennale Pavillon 1986 soll als Folie dienen, um die Frage nach dem Verhältnis von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit im Bild vor dem Hintergrund heutiger fotografischer Praxis zu aktualisieren. Die Veranstaltung findet parallel zu den Ausstellungen des After Nature. Ulrike Crespo Photography Prize von C/O Berlin und der Crespo Foundation statt, die aus verschiedenen Blickwinkeln auf das Verhältnis von Fotografie und die Kapitalisierung von Ökosystemen schauen. Natur erscheint hier nicht mehr per se als unberührter, geheimnisvoller und schöpferischer Grund, sondern als eine aus den Fugen geratene Kategorie, die neue Arten des Sehens, Darstellens und Verstehens erfordert. Diese Blickumkehr auf Natur und Zerstörung situiert das historische Projekt Polkes in aktuellen sozialen und politischen Prozessen der Klimakrise, in der das Schöpferische – sowohl von Natur als auch Kultur – als Ganzes auf dem Spiel steht.
Ein Projekt initiiert von Hans-Christian von Herrmann, TU Berlin, Institut für Philosophie, Literatur-, Wissenschafts- und Technikgeschichte, und Katja Müller-Helle, HU Berlin, Institut für Kunst- und Bildgeschichte, Forschungsstelle „Das Technische Bild“.