Reflections in Motion

Mark Aerial Waller,
Reflections in Motion: Temporal Experiments After Polke’s Athanor

In diesem experimentellen Projekt, das Bewegtbild und Live-Event verbindet, wird Sigmar Polkes Athanor (1986) durch die Brille der systemischen Aufstellung – einer somatischen und räumlichen Methode, mit der sich Beziehungsdynamiken im Zeitverlauf veranschaulichen lassen – in einem neuen Licht präsentiert. Dabei stützt Mark Aerial Waller sich auf seine Position als zeitgenössischer Künstler, der mit experimentellem Film, Archiven und Live-Formaten arbeitet, um die verkörperten, epistemischen und poetischen Verflechtungen zwischen historischen Kunstwerken und gegenwärtiger Subjektivität auszuloten. Indem er Polkes Athanor als zeitliche Konstellation statt als geschlossene historische Form neu konfiguriert, zeigt er auf, wie ein Künstler mit den ästhetischen Systemen anderer Generationen in den Dialog treten kann, anstatt sie kategorisch abzulehnen.

Goldblatt-Widmung, Athanor Katalog, 1986, Foto: Mark Aerial Waller | © The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn

"In meiner Arbeit nutze ich das Kino als strukturelles und räumliches Instrument, um die Beziehung zwischen Betrachter:in, Kunstwerk und Kontext neu zu gestalten. Mein besonderes Interesse gilt dabei jenen Momenten, in denen Vertrautes als fremd erscheint und deutlich wird, dass die persönliche Wahrnehmung von größeren, unsichtbaren sozialen, historischen oder psychologischen Zusammenhängen geprägt ist. Systemische Aufstellungen, die ursprünglich im Rahmen von Psychotherapien und Ahnenritualen entwickelt wurden, sind in der zeitgenössischen Kunst bisher kaum zum Einsatz gekommen. Ich passe diese Methode für die Forschung im Bereich des Bewegtbildes an und untersuche ihr Potenzial, latente Dynamiken in Archiven, Kunstwerken und räumlichen Erzählungen offenzulegen. In meiner Videoarbeit What’s Wrong With the Past (2025) inszeniere ich eine Aufstellungssitzung mit Elementen aus dem Archiv des Avantgarde-Filmemachers Owen Land. Dieser performative Ansatz ermöglicht eine kritische Neudeutung des künstlerischen Vermächtnisses und Einflusses dieses Künstlers – nicht durch Ablehnung, sondern durch das Eingehen von komplexen, generationsübergreifenden Verflechtungen. Bisher wurde Polkes Athanor primär unter den Gesichtspunkten der Reflexion, der Oszillation und der alchemistischen Bezüge betrachtet. Diese Auseinandersetzung möchte ich mittels meiner experimentelle Methodik erweitern:

Ich begreife Athanor nicht als historisches Objekt, sondern als dynamisches Interaktionsfeld, in dem unterschiedliche Materialien und Zeitlichkeiten koexistieren.

Um die Instabilität der Subjektpositionen in Polkes gespiegelten und vielschichtigen Oberflächen aufzuzeigen, greife ich Lacans Konzept der extimité auf – das Paradoxon des Externen, das in das Intime eingebettet ist. Barbara Filser beschreibt die visuelle Erfahrung von Polkes Lackbildern als ein Oszillieren zwischen Nähe und Distanz. Ich bin der Ansicht, dass diese optische Instabilität auch zeitlich und relational ist: Die Position der Betrachter:innen verschiebt sich über Zeit und Kontext hinweg, sodass sie sich selbst, reflektiert in ebenso vertrauten wie fremden Materialien, begegnen." 

Mark Aerial Waller, 2025

Mark Aerial Waller, Reflections in Motion: Temporal Experiments After Polke’s Athanor
Ausstellung, tbd