In der Zeitschrift Der Wegweiser erscheint 1970 ein Artikel von Sigmar Polke, in dem er seine künstlerische Arbeit mit Blick auf gegenwärtige (kommunikations-)technische Bedingungen in einer geradezu poetischen Schreibweise reflektiert. Auch wenn die Überschrift zunächst ausschließlich Polkes berühmte Rasterbilder adressiert, so zeigt sich in der Lektüre schnell, dass es um eine grundsätzliche Selbstverortung des Künstlers geht, indem gleich zu Beginn des Textes ganz allgemein „[d]ie künstlerische Qualität“ als „eine Frage der Rückkopplung subjektiver Erfahrung an objektive Sachverhalte“ beschrieben wird, die zum Ende des Textes auf Begriffe wie „Technik, Kommunikation, System, Ordnung, Gleichheit“ zuläuft.
„Eine Frage der Rückkopplung“
„Eine Frage der Rückkopplung“
Technik und Umwelt in Sigmar Polkes Athanor-Installation
Mit der Formulierung der „Rückkopplung“ greift Polke explizit einen Begriff aus der Kybernetik auf, deren systemisches Denken Mensch und Maschine und damit Lebendiges und Nicht-Lebendiges auf eine neue Weise verkoppelte.
Der Versuch der Institutionalisierung der Kybernetik Mitte des 20. Jahrhunderts durch Norbert Wiener und seine Kolleg:innen gilt gemeinhin als Eintritt ins moderne Informationszeitalter. Über den Begriff der Information und ihrer Übermittlung, den der Mathematiker Claude Shannon in seiner Informationstheorie entwickelte, stellte die damals noch jungen Wissenschaft, eine Analogie zwischen den Funktionsweisen eines biologischen Organismus und einer Maschine her und machte damit das Verhalten und die Relationen komplexer Organisationsstrukturen beschreibbar. Indem Polke Parallelen zwischen seiner künstlerischen Arbeitsweise und dem systemischen Denken der Kybernetik herstellt, lässt sich – so die These – für seinen Kunstansatz bereits sehr früh eine Öffnung hin zum einem Umweltdenken beobachten, das in Bezug auf die Rasterbilder noch sehr technisch anmuten mag, aber in Athanor schließlich auch explizit ökologische Fragen adressiert, wie die auf Feuchtigkeit reagierende Hydro-Wandmalerei verdeutlicht.
Dem Werkkomplex Athanor wollen wir im Seminar aus technik- und materialhistorischer, aber auch kunst- und medienwissenschaftlicher Perspektive begegnen und den alchemistischen Hochofen für aktuelle Fragen aufschlüsseln. Das Seminar ist ein Kooperationsprojekt des Fachgebiets Literaturwissenschaft der Technischen Universität Berlin und dem Arbeitsbereich Historische Bildwissenschaft/Kunstgeschichte der Universität Bielefeld. Gemeinsam mit Studierenden beider Institutionen möchte das interdisziplinär angelegte Seminar Athanor wissenshistorisch aufschließen für technische und informationstheoretische Diskurse, die bei Polke bereits sehr früh die Vorstellung einer Kunstproduktion erkennen lassen, die die Idee des genialischen Schöpfers zugunsten eines komplexen Netzwerks aus Rückkopplungseffekten zwischen Mensch, Natur, Kultur und Technik aufgibt. Athanor als Werkensemble ist in materialästhetische (Erdfarben, natürliche Pigmente sowie synthetisch hergestellte Lacke und Harze), technische (Rasterbilder) und ortsspezifische (Wandfarbe verändert sich je nach Luftfeuchtigkeit) Abläufe eingebunden, die miteinander interagieren.
Um eben jenes Netzwerk sichtbar werden zu lassen, wird als Output der gemeinsamen Seminararbeit ein digital abrufbares Archiv angelegt. Die User:innen gelangen über die allgemeine Website Sigmar Polke. Athanor NOW auf die Seminarprojektseite, die den Grundriss des Pavillons zeigt. Anhand von Themenschwerpunkten, die über unterschiedliche Ebenen verlinkt sind, werden Verbindungen innerhalb von Polkes Werk sowie deren einschlägige theoretische Verortung sichtbar gemacht. Diese Vernetzungsstruktur wird ab dem Wintersemester 2026/2027 mit dem im Seminar gemeinsam Erarbeiteten multimedial befüllt (Bild, Text, Audio). Die User:innen können so zwischen unterschiedlich kontextualisierten Werken navigieren und eigene Verbindungen herstellen. Im Seminar geht es um die Archivierung der heutigen Auseinandersetzung mit der damaligen Installation und der Freilegung ihrer wissenshistorischen Kontexte.
„Eine Frage der Rückkopplung“: Technik und Umwelt in Sigmar Polkes Athanor-Installation
Seminar unter Leitung von Daniela Doutch und Aurea Klarskov, 01.10.2026–31.03.2027, TU Berlin; Universität Bielefeld; Universität der Künste Berlin