Der Studientag untersucht aktuelle Evokationen von Gefährdung durch Kunst ausgehend von Polkes ironisierter Materialpolitik. Im Fokus stehen Kontinuitäten und Brüche von den 1960er Jahren bis heute bezüglich ästhetischer und politischer Bedürfnisse eines auf Erfahrungsästhetik ausgerichteten Publikums. Wie marktgängig sind Effekte von Gefährdung? Wodurch zeichnet sich Kunst aus, die zu kontaminieren behauptet? Wie wird Kunst reflektiert, die kein Publikum, aber andere Kunst kontaminiert?
Kontaminierte Kunst?
Kontaminierte Kunst?
Von Polkes Materialpolitik zu Gefährdung als künstlerischer Strategie
Sigmar Polke (1941–2010) war bekannt für seine Ironie, mit der er die Grenze zwischen Trivial- und Hochkultur aufzulösen suchte – inhaltlich und materiell: Mit seinem Beitrag Athanor zur Venedig-Biennale 1986 schuf er etwa eine dynamische Ausstellungssituation, in der sich die angebrachten Farben durch Temperatur, Feuchtigkeit und die Ausdünstungen des Publikums veränderten. Diese Prozesse ironisierten das in den 1980er Jahren aufkommende Faible für Mystik und Kosmologie zwischen New Wave, Eskapismus und neuer Naturspiritualität. Neben Wandmalerei präsentierte Polke in Athanor bewusst disparate Elemente: einen Eisenmeteoriten, einen Quarzkristall, die Serie Schleifenbilder sowie mehrere Lack- und Rasterbilder. Seit den 1960er Jahren experimentierte er zudem mit einem Arsenal ungewöhnlicher, teils hochgiftiger Chemikalien – Lacke mit halluzinogener Wirkung, Silbernitrat, Kaliumpermanganat, radioaktives Gestein oder bleihaltige Farben. Eine Wanderanekdote behauptet gar, Polke hätte es Ausstellungsbesucher:innen gewünscht, dass ihnen bei Betrachtung seiner künstlerischen Arbeiten die Haare ausfallen – durch radioaktive Strahlung oder chemische Dämpfe. Derlei Ironie und Freude an Ambivalenz in der Materialwahl, im Kunst- und Ausstellungsmachen, die die Kunst der 1960er und 1970er Jahren prägte, kann nicht nur Konservator:innen und Kurator:innen dieser Kunst vor Probleme stellen. Im Kontext ökologischer und sozialer Debatten, die mehr und mehr das aktuelle Kunstgeschehen bestimmen, haben sich vielmehr andere Umgangsformen mit Risiko und Gefahr herausgebildet: So arbeiten Künstler:innen gegenwärtig direkt mit kontaminierten Materialien, etwa mit radioaktiven Substanzen oder in toxischen Regionen, um dezidiert Bewusstsein für spezifische Probleme zu schaffen und Betroffenheit zu erzeugen. Andere inszenieren Gefährdung und Kontamination absichtlich immersiv. Die in entsprechenden Werken genutzten Stoffe und Materialien zeichnen sich allerdings gerade dadurch aus, dass sie ungefährlich sind und Gefährdung somit lediglich simulieren: Sie arbeiten direkt mit Assoziationen von Ekel und reagieren damit bedacht auf eine Gegenwartskultur, die um individuelle Sorgen und Bedarfe kreist – Krankheit, Therapie, Entgiftung und Heilung, aber auch Genuss.
Der Studientag greift vor diesem Hintergrund verschiedene Dimensionen von Gefährdung durch und in Kunst – ausgehend von den Materialpolitiken Polkes – auf.
Mit Blick auf Positionen der Gegenwartskunst sollen Strategien der Verhandlung von Risiko und Kontamination analysiert und kritisch historisiert werden. Welche ästhetischen, kulturellen, thematischen und politischen Bedürfnisse des Museumspublikums erzeugen oder adressieren diese Werke – etwa im Hinblick auf die marktgängige, akzelerierte Verfügbarkeit und Verständlichkeit von Kunst? Welche Rolle spielen Ironie und die daraus resultierenden Ambivalenzen in heutigen künstlerischen Positionen gegenüber dem Impuls zur Didaktisierung und Problemaufklärung? Wie verhält sich das simulative Als-ob der Ausstellungssituationen zu realen Gefährdungen des Publikums? Welche Formen von Pflege fordern Kunstwerke ein, die kontaminiert sind und welche Idee von Fürsorge vermitteln sie gleichzeitig? Wie ist eine Kunst zu reflektieren, die andere Kunstwerke und Ausstellungsräume tatsächlich kontaminiert? Steht den gegenwärtig stärker auf Effekt und Affekt basierenden sowie auf medialer Dissemination zielenden künstlerischen Verfahren also gewissermaßen das materielle Erbe der 1960er und 1970er Jahre entgegen?
Kontaminierte Kunst? beginnt am 25. März 2026 mit einem Abendvortrag von Julia Gelshorn (Fribourg). Der darauffolgende Studientag, 26. März 2026, versammelt Beiträge zum Verhältnis von Ausstellung und Kontamination – von Kyveli Mavrokordopoulou (Amsterdam) und Lotte Arndt (Paris) zu Kunst, die kontaminiert (ist), von Lilian Haberer (Köln) und Barbara Oettl (Köln) zu Kunst, die Kontamination simuliert, sowie Charlotte Matter (Basel) und Angela Matyssek (Dresden) zu Kunst, die kontaminiertes Material befragt. Die zweitägige Veranstaltung wird organisiert von Linn Burchert (München), Michael Klipphahn-Karge (Leipzig/München) und Friederike Schäfer (Berlin).
Kontaminierte Kunst? Von Polkes Materialpolitik zu Gefährdung als künstlerischer Strategie
Studientag, 25.03. und 26.03.2026, ZI Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München und online
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