Vierzig Jahre nach Sigmar Polkes Athanor-Installation in Venedig befinden sich die Werke jener Präsentation heute an unterschiedlichen Orten: Die Schleifenbilder gehören zur Bayerischen Staatsgemäldesammlung, der Bergkristall und der Meteorit sind (wieder) Teil der Mineraliensammlung in Essen. Die Wandarbeit mit salzhaltiger Farbe blieb am ursprünglichen Ausstellungsort erhalten, während sechs Lackbilder in die Sammlung des Museum Abteiberg in Mönchengladbach übergingen. Bereits in Venedig stellte Polke die Verbindung von Mineralien, Kristallen und experimentellen Verfahren ins Zentrum seines Schaffens. Er untersuchte die Wechselwirkungen zwischen Naturmaterial, künstlerischer Transformation und symbolischer Aufladung – ein Zusammenspiel von Stofflichkeit, wissenschaftlicher Neugier und poetischer Bildsprache, das für meine eigene künstlerische Praxis einen wesentlichen Bezugspunkt bildet.
Scenario for a Crystal
Stefanie Pluta, Scenario for a Crystal
Im Jahr 2014 verbrachte ich im Rahmen eines Atelierstipendiums drei Monate in den Schweizer Zentralalpen. Dort recherchierte ich zur Geschichte des sogenannten Indergand-Kristalls – einer ausgewogen proportionierten Rauchquarzgruppe, die 1946 am Tiefengletscher vom Besitzer eines Kristallhandels in Göschenen geborgen wurde. Auf den Spuren dieses Kristalls untersuchte ich Fragen nach Materialität, Erscheinung und Textur ebenso wie nach symbolischer Bedeutung, geografischer Verortung und musealer Inszenierung.Meine Arbeit verbindet fragmentarische Naturfotografien, maßstabsgerechte Zeichnungen und modellhafte Vitrinen zu einer topografischen Annäherung an den abwesenden Protagonisten – den Kristall.
Der ursprüngliche Fundort liegt inmitten einer rauen Berg- und Gletscherlandschaft, unweit des Rhonegletschers – eines der am schnellsten schmelzenden Eisfelder Europas. Zwei Fotografien dokumentieren den Versuch, die Gletscherschmelze durch das Abdecken der Gletscherzunge mit Vlies zu verlangsamen – ein Eingriff, der exemplarisch auf die sichtbaren Folgen des Klimawandels verweist. Die Reise der Kristalle ist dabei auch kritisch zu betrachten: aus geologischen Formationen heraus, über industriellen Abbau und globalen Handel, bis hin zur musealen oder künstlerischen Präsentation entsteht eine Bewegung zwischen Natur, Ware und Symbol. Scenario for a Crystal untersucht die komplexe Beziehung des Menschen zu diesen Naturobjekten – zwischen Bewunderung, Aneignung und musealer Repräsentation.
Begleitend zur Ausstellung im Istituto Italiano di Cultura di Colonia, Köln, finden Cyanotypie-Workshops statt. Die Cyanotypie ist ein historisches fotografisches Verfahren, bei dem lichtempfindliches Material im Kontaktverfahren belichtet wird – ohne Verwendung einer Kamera. Es entstehen Fotogramme, die durch direkte Belichtung von Objekten auf der beschichteten Oberfläche erzeugt werden. Dieses frühe fotografische Verfahren zeichnet sich durch seine experimentelle Offenheit aus: Faktoren wie Belichtungsdauer, Lichtintensität und chemische Zusammensetzung beeinflussen das Ergebnis maßgeblich, sodass jeder Druck ein Unikat bildet. Im Mittelpunkt der Workshops stehen das Experiment, die bewusste Abgabe von Kontrolle und die Auseinandersetzung mit Prozessen, deren Ausgang sich nicht vollständig planen lässt.
Stefanie Pluta, 2025
Stefanie Pluta, Scenario for a Crystal
Ausstellung, 10.07.–November 2026 (tbd), Istituto Italiano di Cultura di Colonia, Köln